Kultur
Menschen aus mehr als 160 Nationalitäten haben unserer Stadt eine kulturelle Vielfalt als Basiskultur beschert. Eine fruchtbare Basis, auf der die so genannte „freie” Kunst- und Kulturszene aufbaut und von der viele Impulse für das Zusammenleben in Mannheim ausgehen. Die strukturelle wie finanzielle Ausstattung der „freien“ Szene ist aber sehr schlecht. Ebenso bemerkenswert ist die Schwierigkeit, Fördermittel für internationale Projekte zu generieren. Künstlerischer Austausch wird dadurch massiv erschwert. Durch unsere Anträge wurden Zuschüsse bis zu 50 Prozent gesteigert, dennoch bleiben diese hinter denen vergleichbarer Städte deutlich zurück. Besonders betroffen sind darstellende Kunst und freie Theater. Proberäume für kleine Theater, Ausstellungs- und Aufführungsräume, Werkstätten, Ateliers, Galerien und Projekträume fehlen. So trocknen die Graswurzeln aus. Kleine kommerzielle Kulturprojekte haben es schwer: Kleinkredite sind kaum zu erhalten und Genehmigungen von den Behörden dauern viel zu lange. Um kreative Ideen umzusetzen, braucht es das Entgegenkommen von Verwaltung und Geldgebern. Hier herrscht erheblicher Nachholbedarf in Mannheim.
Institutionalisierte Kunst und Kultur dagegen ist in Mannheim sehr stark. Das größte kommunale Viersparten-Theater Deutschlands und das größte kommunale Museum Süddeutschlands sind hier angesiedelt. Diese großen Kultureinrichtungen haben eine soziale Verantwortung, die wir verbindlich einfordern werden. Wir werden eine Diskussion über kulturpolitischen Auftrag und Größe von Nationaltheater, Kunsthalle und Reiss-Engelhorn-Museum anstoßen. Nach diesen Ergebnissen sind die zukünftigen Zuschüsse zu bemessen. Zuschusserhöhungen für die großen Kulturinstitutionen auf Kosten der freien Kulturszene und freier Kulturprojekte lehnen wir ab. Wir wollen ihren Anteil am Kulturetat erhöhen.
Alle sollen profitieren
Unsere Vision ist die einer kreativen und kulturell blühenden Stadt. Die Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen, Altersgruppen und sozialen Milieus ist oberstes Gebot. Die freie künstlerische Vielfalt entsteht oft erst, wenn günstige Ausgangsbedingungen hergestellt werden. Die freie Szene ist aber bislang klein gespart worden.
Kreatives Klima erzeugen
Gemeinderat und Stadtverwaltung müssen ein kreatives Klima erzeugen. Das bedeutet Einfallsreichtum bei der Lösung von Problemen und Ausschöpfen von Entscheidungsspielräumen sowie Offenheit gegenüber ungewöhnlichen Ideen.
Ohne kulturelle Substanz und ohne kreatives Klima bleibt die Stadt bürokratische Provinz. Wo es nicht möglich ist, innerhalb von drei Monaten Kulturprojekte zu genehmigen, kann kein kreatives Klima gedeihen. Wir fordern einen offenen, lösungsorientierten Umgang bei Genehmigungen und Sperrzeiten.
Der Gemeinderat ist bei der Frage der Sperrzeiten gefordert, den Interessen von Anwohnern das Interesse der ganzen Stadt an einem blühenden kulturellen Leben gegenüberzustellen.
Schaffung eines Kulturbüros
Wir fordern ein Kulturbüro als Ansprechpartner für alle Kunst- und Kulturschaffenden. Es soll Drehscheibe für Kontakte und Vermittlungen sein, Hindernisse abbauen und Fördermöglichkeiten vermitteln, Ideen makeln und Brücken zur Realisierung schlagen. Infrastruktur für Veranstaltungen könnte hier preiswert oder umsonst ausgetauscht werden. Schulen könnten ihre Kulturkontakte anknüpfen.
Austauschangebote müssen aktiv generiert und gemakelt werden: Denn Offenheit bedeutet auch, in Austausch zu treten. Beispielsweise kann ein türkischer Verein ein Stadtteilfest zusammen mit einem Gewerbeverein organisieren. Es fehlt auch an Auftrittsmöglichkeiten für Musikerinnen und Musiker. Für vorhandene Bars und Kneipen könnten sehr einfach Anreize und Möglichkeiten für Band-Auftritte geschaffen werden.
Die großen Häuser in die Pflicht nehmen
Die großen Kulturhäuser müssen mit eintrittsfreien Tagen den Menschen Angebote machen, die sich den Schritt über die Schwelle schlicht nicht leisten können. Leerstände können zu Freiräumen für eine wachsende freie Kulturszene werden. Die alte Abendakademie könnte zur Kreativwerkstatt, Teile aufgegebener US-Kasernen könnten zu Produktionsräumen umgenutzt werden. In der Trinitatiskirche wäre eine attraktive städtische Galerie möglich. Ausgewählte leere Wände in der ganzen Stadt sollen zu legalen Graffiti-Kunstflächen werden.
Zur Öffnung der großen Institutionen sind aktive Angebote des Nationaltheaters an Kulturhäuser und Organisatoren von Straßen- und Quartiersfesten hilfreich. Das Ballett oder ein Bläseroktett könnten kostenlos deren Programme bereichern. Kunsthalle und Reiss-Engelhorn-Museen sind für die Heranführung von Schülerinnen und Schülern an kulturelle Themen prädestiniert. Angebote an Projektgruppen, Räume in einem der Häuser temporär zu nutzen, Kostüme zu leihen und Beratung zu bekommen, würden den Austausch zum Klingen bringen. In den Institutionen müssen für die Kooperation Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner benannt werden.
Migrantinnen und Migranten einbeziehen
Migrantinnen und Migranten müssen stärker mit einbezogen werden: Sei es als Angestellte in den städtischen Kultureinrichtungen, sei es als Künstlerinnen und Künstler in den Programmen. Die institutionalisierte Kultur in Mannheim ist zu stark auf unseren traditionellen Kulturkreis ausgerichtet. Wir fordern Themen anderer Kulturkreise, die Zusammenarbeit mit den Kulturvereinen anderer Nationalitäten und das regelmäßige Übersetzen von Informationsmaterial, damit auch Migrantinnen und Migranten endlich von der vielfältigen Basiskultur in unserer Stadt profitieren.
Europäische Kulturhauptstadt
Die Vorbereitungen für eine Bewerbung Mannheims zur Europäischen Kulturhauptstadt 2020 müssen eingestellt werden; eine Bewerbung kommt zu diesem Zeitpunkt nicht in Frage. Erst wenn der Gemeinderat unabhängig von einer Bewerbung die Ambitionen der Stadt im Kulturbereich mit ausreichend Mitteln insbesondere für die freie Szene und mit dem Abbau bürokratischer Hürden bei Kulturveranstaltungen aller Art gezeigt und damit die Kultur in der Stadt nachhaltig gestärkt haben wird, sollte wieder über eine Bewerbung nachgedacht werden. Sonst bleibt die Bewerbung, was sie derzeit ist: alibihaft.






















